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Ein Seminar über das Lernen und Beschämungen

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Wissen Sie was eine Eselsbank oder eine Eselskappe ist, nein? Dann kennen Sie sicherlich auch Reckahn nicht. Lassen Sie mich kurz erzählen, wie ich einer Eselskappe in Reckahn begegnet bin und feststellen musste, dass die längst vergessen geglaubten Kappen irgendwie noch sehr häufig vorkommen.

Das Dorf Reckahn , etwa 10 Kilometer südlich der Stadt Brandenburg, in reizvoller Landschaft (Landkreis Potsdam-Mittelmark) gelegen, bietet dem interessierten Besucher vielerlei Sehens wertes. Neben dem Schloss gibt es in Reckahn auch Sehenswürdigkeiten besonderer Art - das Schulmuseum und die Ausstellung im Schloss. Dort kann man sich über das Leben und Wirken des Schulreformers Friedrich Eberhard von Rochow informieren und sehr interessante Zeitbezüge und Verbindungen zu aktuellen und wirtschaftspolitisch brisanten Themen entdecken. Didaktisch sehr gut aufgebaute Text-, Bild- und Toninsznierungen, gepaart mit einer sehr kompetenten Führung, lassen die Ausstellung zum Erlebnis werden. Also, genau der richtige Ort, um ihn als Bestandteil einer Lehrerfortbildung für eine kleine Exkursion mit den Kollegen zu nutzen.
Die dreitägige Fortbildung begann bereits am Vortag im Pädagogischen- Landesinstitut- Brandesburg (Ludwigsfelde) unter der Leitung von Frau Barbara Meier als Moderatorin und meiner Mitwirkung als Dozent. Insgesamt waren wir 20 Kollegen. Die Fortbildung mit Besuch in Reckahn wurde in mehrer Themenschwerpunkte eingebettet:

- Soziale Kompetenz - Lebenslanges Lernen und Selbstlernkompetenz
- Lernen und Lehren - Moderne Lehr- und Lernmethoden
- Konfliktfreies und erfolgreiches Lernen und Lehren
- Welche Unterrichtsführung führt zum Lernerfolg
- Welches Lehrerverhalten blockieren den Lernenden
- Wie lehrt Lehrer lernen?
- Welche günstige mentale Lernbedingungen braucht unser Gehirn.
- Erarbeitung aktueller Bezüge der historisch bedeutenden Ausstellung
- Methodentraining / Gruppenarbeit Zusammenführung aller Themen durch Moderation

Trotz schlechten Wetters wurde für die meisten Fortbildungsteilnehmer die Exkursion zu einem sonnigen Tag mit vielen Aha-Erlebnissen. Dabei ordnete sich der Besuch in dem inhaltlichen Gesamtablauf der Fortbildung harmonisch ein. So gab es in der Ausstellung des Schlosses ein so genanntes philanthropisches Denklehrzimmer. Das Denklehrzimmer ist eine Erfindung des für seinen kreativen Unterricht berühmten Philanthropen ( Menschenfreund ) Christian H. Wolke , der wie alle Lehrer des Dessauer Philanthropins die Reckahner Musterschule besucht hat. "Das Denklehrzimmer soll die Stelle eines Lehrers vertreten und die freie Selbsttätigkeit von Kindern und Erwachsenen möglich machen. Die verschiedenen Lern- und Anschauungsmaterialien sind gleichsam in einem vernünftigen Zimmer als didaktischer Raum zusammengeführt. Die Gegenstände sollen zunächst empfunden und erst danach erst begriffen werden. Der Aufenthalt im Denklehrzimmer soll zum individuell angemessenen Erwerb nützlicher Erkenntnisse und zum lebenslangen Lernen anregen." Pädagogen ist wohl das Denklehrzimmer auch gleichzeitig der denkwürdigste Raum, beeinflussten gerade diese pädagogischen Ideen immer wieder die Reformpädagogen und die moderne Pädagogik.

Eselskappen im Jahr 2011

Dem gegenüber erscheint der sich anschließende Besuch des Schulmuseums in einem ganz anderen, aber nicht weniger interessanten Licht. Das Schulmuseum Reckahn, in freier Trägerschaft liebevoll geführt, hat seit Februar 1992 seinen Sitz in dem 1773 von Friedrich Eberhard von Rochow erbauten Schulhaus. Diese Schule war die erste zweiklassige in Preußen. Neben historischen Ausgaben des von Rochow verfassten Landschulbuches "Der Kinderfreund" und alten Schuldokumenten werden auch Fundstücke aus dem Schloss und dem Museum ausgestellt. Anziehungspunkt für viele Besucher, vor allem Schulkinder, ist das originalgetreu gestaltete Klassenzimmer aus der Zeit um 1900. Ganze Schulklassen können, nach vorheriger Anmeldung, im "alten Stile" unterrichtet werden. So saßen dann auch wir in den engen Bänken und genossen voller Ausgelassenheit die doch recht ungewöhnliche Situation. Mit vielen interessanten Informationen und Maßregelungen alter Schule wurden wir fachkundig und mit einer gehörigen Portion Humor von der "Dienst tuenden Lehrerin Reihenweise abgestraft", oder besser, köstlich unterhalten. Es machte einfach großen Spaß zu sehen, dass sich Pädagogen doch wie Zweitklässler benehmen konnten und das wundersame Rollenspiel einfach mitspielten. Eine Kollegin wurde dafür besonders hart bestraft. Sie musste wegen wiederholten Ungehorsams die Eselskappe tragen, eine Kopfhaube mit Eselsohren. Neben dem Rohrstockschlagen war das Eselskappentragen eine besonders harte Strafe für einfachste Vergehen und noch um 1900 eine gängige Methode Kinder vor aller Augen bloß zu stellen, Scham und Angst zu erzeugen. Verstärkt wurde das Ganze noch mit einer so genannten Eselsbank, auf die sich dann sehr häufig die beschämten Kinder setzen mussten.

Eselskappen sind Heute zum Glück verboten, sie sind menschenverachtend. Doch, als ich so auf der engen Schulbank saß, beschlich mich gar ein selten seltsames Gefühl. Es war mir gar nicht mehr so angenehm dieses Spiel. Es war fast wie der Ernst des Lebens. Das Lachen der Kollegen schien mir lächerlich. Die Eselskappe gibt es zwar nicht in unseren Schulen, doch in den Köpfen vieler Lehrer scheint so etwas Ähnliches noch zu existieren, denn weshalb gibt es so viele Schüler, die nicht mehr in die Schule gehen wollen, oder schon am Freitag vor dem Montag zittern? Weshalb werden Schüler im Mathematikunterricht von ihrer Lehrerin zum Rechnen an die Tafel gezerrt? Um etwa alles Gelernte auf einen Schlag blockiert vergessen zu müssen und sich dann pflichtgemäß anzuhören, wie dumm man doch ist. Wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen. Klar, der Lehrer hat ein gutes Gespür für Lacher. Oder, weshalb sind Auszubildende erstaunt, wenn ihnen die Lehrerin sagt, dass sie im Unterricht Fehler machen dürfen. Was ist los in manch deutschen Klassenzimmern? Weshalb muss ein 12jähriger seinen dicken nackten Bauch im Fach Politische Bildung vorführen. Klar, Schüler haben im Fach Politische Bildung nicht viel zu lachen. Manche Schüler erfreuten sich sogar noch nach dem Unterricht an dem Fach und brachen dem Jungen das Bein (Tatsache). Endlose Geschichten (ver-) zogener Kinder, eine Reihe die bis zum Suizid einiger weniger Kinder fortzusetzen wäre, oder wie ist es zu verstehen, dass ein Potsdamer Gymnasium innerhalb kürzester Zeit vier Suizide zu beklagen hat oder so manch beschämte Mensch Amok läuft? ....
Ach, da fällt mir gerade ein, dass es Lehrer geben muss, die ständig ihre eigene Eselskappe mit sich herum schleppen. Wenn ich sie nach dem Beruf frage, schauen sie ganz verschämt zu Boden, dass ich meine zu erkennen, dieser Lehrer möchte lieber ein Esel als ein Lehrer sein.


Ich danke allen, die mich zu dieser Erkenntnis geführt haben. Ganz besonders danke ich dem Schulmuseum Reckahn.

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